
Hohn und Spott über die Hauptstadt ausgießen – spätestens seit Beginn des Internetzeitalters garantiert das viel Aufmerksamkeit. Von der unregierbaren Stadt ist dann gerne die Rede, in der sich der Müll stapelt und der Bau eines neuen Flughafens 14 Jahre dauert.
Zum Ziel der Kritik kann nahezu alles werden und spätestens seit dem großen Rolltreppen-Desaster vor wenigen Wochen ist auch der Hauptbahnhof in den Fokus geraten. Der Ausfall von zeitweise 75 Prozent der Rolltreppen wurde zum Sinnbild für das kaputte Berlin erkoren, die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte einen Abgesang auf die Stadt an der Spree, der Hauptbahnhof landete dabei in der Kategorie "hässliche misslungene Neubauten".
Dach wie eine "abgebissene Wurst"?
Am Dienstag jährt sich die Eröffnung des Hauptbahnhofs zum 20. Mal – Zeit, Historie und Gegenwart des Bahnhofs genauer in den Blick zu nehmen. Ist es wirklich so schlecht bestellt um die zentrale Station unweit des Regierungsviertels, der Bau gar ein unveränderbares Ärgernis? Oder dient das noch junge Gebäude als Aushängeschild einer kriselnden Bahn, die wohl weitaus größere Probleme im Portfolio hat als diesen Glaskasten?
Der Blick zurück zeigt: Das Gebäude sorgt seit jeher für gemischte Gefühle, juristische Auseinandersetzungen inklusive. Um den Bahnhof pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland in Betrieb nehmen zu können, wurde kurzerhand auf 130 Meter Dach über den Gleisen verzichtet. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) soll vor vielen Jahren mal gesagt haben, dass ihn der Bahnhof mit dem gekürzten Dach von oben an eine "abgebissene Wurst" erinnere.
Das Dach wurde nie nachgerüstet, die "abgebissene Wurst" blieb abgebissen, bereits produzierte Stahlteile wurden stattdessen Jahre später verschrottet. Das Dach und die Decke im Tiefgeschoss – gebaut wurde eine Flachdecke, im Entwurf war dagegen eine Gewölbedecke mit Lichtinszenierung vorgesehen – sorgten jahrelang für Ärger zwischen dem Architekten Meinhard von Gerkan und dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn.
Mehdorn: "Wir haben einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale"
Schon am Eröffnungstag war von einer Männerfeindschaft zwischen den beiden die Rede, bei der Eröffnung selbst wurde der Architekt kaum erwähnt. "Wir haben einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale", sagte Mehdorn einmal. Erst nach Jahren und mehreren Terminen vor Gericht einigten sich beide Seiten und legten den Streit bei. Die Bahn zahlte damals Geld an eine Stiftung, die die Ausbildung junger Architekten unterstützt.
Für den Zugbetrieb spielen und spielten die Dach- und Decken-Debatten keine Rolle – mal davon abgesehen, dass die Fahrgäste an den Enden der oberen Bahnsteige bei schlechtem Wetter im Regen stehen. Rund 1.300 Züge fahren jeden Tag durch den Berliner Hauptbahnhof, 300.000 Fahrgäste und andere Besucher werden täglich gezählt. Noch mehr Menschen sind nur am Hamburger Hauptbahnhof unterwegs.
"Er ist im Werden"
Nur ein Jahr nach der Eröffnung wurde die Station vom Verkehrsbündnis Allianz Pro Schiene zum "Bahnhof des Jahres" gekürt. Die Jury lobte damals die Sauberkeit, die offene Architektur mit viel Glas und die Aufenthaltsqualität – rund 80 Geschäfte laden derzeit zur Überbrückung von Wartezeiten bei verspäteten Zügen ein.
Doch auch kritische Worte finden sich in der damaligen Jury-Beurteilung: "Noch ist der Berliner Hauptbahnhof nicht fertig. Er ist im Werden – genau wie die Stadt, in dessen Mitte er steht." Berlin sei allen Unzulänglichkeiten zum Trotz Deutschlands beliebteste und aufregendste Stadt. "Und die Stadt hat zur Zeit Deutschlands spannendsten Bahnhof."
Noch ungelöstes Dauerthema: Nord-Süd-Anbindung des Bahnhofs
Die "Bahnhof des Jahres"-Jury bemängelte 2007 konkret eine fehlende direkte Anbindung an die Nord-Süd-S-Bahn – die es auch zum 20. Geburtstag des Bahnhofs nicht gibt. Schon vor neun Jahren sollte eine neue S-Bahn-Linie zwischen dem Hauptbahnhof und dem Berliner Nordring in Betrieb genommen werden, doch die Bahn verschob den Start aus verschiedenen Gründen immer wieder. Zuletzt hieß es, die Inbetriebnahme der S15 werde noch im Frühjahr 2026 erfolgen - bis wann das Frühjahr aus Sicht der Bahn in diesem Fall andauert, ist aber unklar.
Umstritten ist zudem, welchen verkehrlichen Nutzen die S15 tatsächlich haben wird. Eigentlich soll die Linie Stück für Stück weiter Richtung Süden gebaut werden, über Potsdamer Platz und Yorckstraße bis zum Südkreuz. Zwei weitere Abschnitte sind dafür geplant. Im Bau sind sie aber noch nicht. Bis zur Fertigstellung dürfte es noch viele Jahre dauern.
Immerhin: An das U-Bahnnetz ist der Hauptbahnhof seit 2009 (U5 bis Brandenburger Tor) beziehungsweise 2020 (Lückenschluss der U5) angeschlossen. Von Ost nach West fahren mehrere S-Bahn-Linien durch die Zentralstation, zudem halten mehrere Bus- und Tramlinien dort.
Wie lang reicht der Platz?
Ob der Berliner Hauptbahnhof aktuell auch noch Chancen auf den "Bahnhof des Jahres" hätte? "Heutzutage sind bei jeder Jury-Reise die Fahrradstellplätze ein sehr großes Thema", sagt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. Am Berliner Hauptbahnhof sehe er da Verbesserungsbedarf, an beiden Ausgängen seien die Haltebügel in der Regel überfüllt. Ähnlich wie auf viele andere Bahnhöfe komme auch auf den Berliner zudem die Frage zu, ob mit mehr Fahrgästen und dem Deutschlandtakt der Platz ausreiche, vor allem auf den Bahnsteigen.
In den vergangenen 20 Jahren ist das Fahrgastaufkommen auf der Schiene bereits deutlich gestiegen. 2005 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge knapp 3,2 Milliarden Fahrgäste im sogenannten Liniennahverkehr und Linienfernverkehr mit Eisenbahnen gezählt - 2025 waren es laut vorläufigen Zahlen mehr als 4,2 Milliarden. Angesichts der Herausforderungen durch die Klimakrise sollte sich dieser Trend fortsetzen - die Eisenbahn ist in Sachen Energieeffizienz kaum zu toppen.
Wenn immer mehr Menschen die Bahn nutzen und gleichzeitig die Gesellschaft in Deutschland immer älter wird, sind mehr Bahnhofsbesucher auf die Aufzüge angewiesen - und die sind derzeit vielleicht das größte Diskussionsthema im Berliner Hauptbahnhof. Sie kriechen gefühlt in Zeitlupe zwischen fünf Ebenen hin und her, fahren angesichts der vielen Etagen nie direkt zum gewünschten Ziel. Bei einer Reise mit Kinderwagen, Rollstuhl oder besonders schwerem Gepäck hilft nur: Viel Zeit einplanen für den Weg zum Bahnsteig. Wer im zweiten Untergeschoss einrollt, muss alternativ 147 Treppenstufen nach oben bewältigen, um zum Beispiel zur S-Bahn zu kommen. Dass ausgerechnet hier zuletzt zig Rolltreppen ausfielen, lud dann doch wieder zu Hohn und Spott ein.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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