
Ein Liebesfoto mit der Freundin beim Kurztrip nach London. Oder eine rasante Probefahrt mit einem Sportwagen, die auch WM-Held Mario Götze per Social-Media-Like gefiel. Für solch angenehme Ablenkungen hat Marc-André ter Stegen jetzt deutlich weniger Zeit. Im Nebel fuhr der Schlussmann auf dem sandigen Parkplatz am Trainingsgelände des FC Girona vor, schüttelte viele Hände der Club-Mitarbeiter zur freundlichen Begrüßung.
Mit seinem Januar-Wechsel von der Top-Adresse FC Barcelona zum Club aus der unteren spanischen Mittelklasse hat Deutschlands lange verhinderte Nummer eins eine Kernforderung von Bundestrainer Julian Nagelsmann erfüllt. Jetzt will ter Stegen nach schwierigen Monaten mit Verletzung und Degradierung seine WM-Chance als Leihspieler in Girona unbedingt nutzen.
"Jetzt geht meine Reise in Katalonien weiter, und ich freue mich sehr auf das, was vor mir liegt", schrieb der 33-Jährige. Kein Wort verlor ter Stegen in seiner fünf Absätze langen und enorm emotionalen Abschiedsbotschaft an die Kollegen und Fans bei Barça allerdings zur deutschen Nationalmannschaft und zur WM in den USA, Kanada und Mexiko.
WM als großer Antrieb
Und doch ist klar. Der Schritt in die (Fußball-)Provinz nur rund 100 Kilometer nördlich seiner bisherigen Heimat hat einen einzigen Grund. Ter Stegen will spielen, ter Stegen muss spielen. Denn das Ziel ist das DFB-Trikot mit der Nummer eins. Am 14. Juni in Houston beim WM-Auftakt gegen Curaçao und in einem perfekten Plan auch am 19. Juli beim Finale in East Rutherford.
Die Bedingungen für eine Rückkehr ins DFB-Tor hat Bundestrainer Nagelsmann mehrfach beschrieben. Absolute Fitness und kontinuierliche Spielpraxis. Sonst wird es nichts mit dem ersten Auftritt ter Stegens als Nummer eins bei einem richtig großen Turnier nach vielen, vielen Enttäuschungen im Schatten des übermächtigen Manuel Neuer - dessen DFB-Comeback viele Fans und Experten auch jetzt schon wieder lautstark fordern.
Girona, international allenfalls Fußball-Insidern ein Begriff, soll nun das WM-Sprungbrett für ter Stegen sein. "Ob das jetzt ein absolut europäischer Top-Club ist oder nicht, ist nicht das alles Entscheidende", hatte Nagelsmann vorab gesagt. "Einigermaßen gut spielen" müsse ter Stegen freilich schon.
Genervt wirkte der Bundestrainer zuletzt ob der Torwart-Thematik, zu der er ohne wirklich neue Entwicklungen immer wieder befragt wurde. Am Status von ter Stegen als seiner Nummer eins hatte er trotz aller Wertschätzung für den tadellos spielenden Ersatzmann Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim bei allen sportlich logischen Bedingungen immer festgehalten.
Viele Turnierenttäuschungen
In der Treue schwang auch immer ein bisschen Kompensation mit. Fast schon tragisch ist ter Stegens Turnierabsenz angesichts seiner Klasse. Nur beim Gewinn des Confederations Cup 2017 war er die deutsche Nummer eins, weil der damalige Bundestrainer Joachim Löw seiner A-Besetzung Neuer einen freien Sommer gönnte.
Ein Jahr später stand Neuer bei der WM im Tor. Auch Nagelsmann zog den Münchner für die Heim-EM 2024 vor, machte ter Stegen erst danach zu seinem Stammtorwart. Und ausgerechnet dann folgte dessen Verletzungsdrama, erst am Knie und später am Rücken.
Ganze vier seiner insgesamt 44 Länderspiele bestritt ter Stegen seit dem Turnier im eigenen Land. Die Degradierung des Kapitäns zum Ersatzmann hinter dem neun Jahre jüngeren Joan Garcia bei Barça ausgerechnet durch Nagelsmann DFB-Vorgänger Hansi Flick war der nächste Tiefschlag. Öffentlich ausgetragene Streitereien zwischen Club und Spieler inklusive - und das nach vielen erfolgreichen Jahren und vielen Titeln.
Flick wünscht alles Gute
Flick ist nicht als Fußball-Unmensch bekannt und wünschte seinem Ex-Schlussmann nun alles Gute. "Vielleicht sehen wir ihn im deutschen Nationalteam bei der WM. Die Daumen sind gedrückt dafür. Ich denke, er hat gute Chancen", sagte der frühere Bundestrainer.
Der erste klare Fingerzeig, ob ter Stegens Taktik aufgeht, folgt im März, wenn Nagelsmann seinen Kader für die WM-Testspiele in der Schweiz (27. März) und gegen Ghana (30. März) benennt. Die logische Torwart-Reihenfolge wäre dann wieder ter Stegen, Baumann und Alexander Nübel. Doch das Neuer-Thema wird wie ein Störfeuer brennen - garantiert. Zu gut ist der Bayern-Torwart drauf.
Ter Stegen ist smart. Er kennt die Mechanismen des Geschäfts. Beim ersten Rundgang in Girona parlierte er im fließenden Spanisch mit den Club-Mitarbeitern, inspizierte aber auch mit genauem Blick den Kraftraum. Dafür sei er hier, "zum Trainieren", sagte er. Und meinte sicherlich eher: zum Spielen.
Debüt gegen Getafe
Am Montag (21.00 Uhr) beim Duell gegen den FC Getafe geht es in La Liga los. Sein neues Team hat zuletzt dreimal in Serie gewonnen, ist durch die neun Punkte in der Tabelle aus dem Keller auf Platz zehn gesprungen. Paulo Gazzaniga, der für ter Stegen nun wird weichen müssen, kassierte dabei nur ein Tor. Mit insgesamt 34 Gegentreffern nach 20 Spielen ist Girona aber die Schießbude der spanischen Topklasse.
Den geforderten Nummer-eins-Status hat ter Stegen sicher. Girona-Trainer Míchel hatte schon vor der offiziellen Verkündung des Transfers geschwärmt. "Er ist ein Top-Spieler. Welcher Club würde nicht gerne einen Torwart wie ter Stegen haben?" Sagt Nagelsmann im Sommer das gleiche, hat sich die Provinz-Leihe für den Schlussmann gelohnt.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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