
Sind Tiktok, Instagram und Co. ähnlich gefährlich wie Alkohol oder Tabak? Diese Frage bringt derzeit in den USA Meta und Google vor Gericht, in der EU Tiktok in Bedrängnis und in der Bundespolitik deutsche Schulhöfe in den Fokus. Die CDU will auf ihrem Parteitag in dieser Woche über bundesweit strengere Handy-Regeln an Schulen debattieren. Die Forschung beschäftigt sich schon seit längerem mit der Frage: Welche Folgen hat es, wenn Kinder und Jugendliche große Teile ihres Tages mit Scrollen verbringen? Einige Erkenntnisse im Überblick.
Wie viel Zeit verbringen Jugendliche vor dem Handy?
Die kurze Antwort: viel. Die sogenannte JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest kam in ihrer Erhebung im vergangenen Jahr auf eine durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit der 12- bis 19-Jährigen von knapp vier Stunden täglich.
Eine Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus dem vergangenen Frühjahr kommt für Jugendliche im Alter von 10 bis 17 an einem Wochentag auf eine durchschnittliche Nutzung sozialer Medien von etwa zweieinhalb Stunden.
Ist das ein Problem?
Zunächst ganz banal: Während ich durch Tiktok scrolle, kann ich nicht zum Sport gehen, kein Instrument spielen und auch keine ungestörten Gespräche mit Freundinnen oder Freunden führen. Sprich: Je mehr Zeit für Social Media draufgeht, desto weniger Zeit bleibt für andere Dinge – nicht zuletzt fürs Schlafen. In der JIM-Studie berichten rund 30 Prozent der Jugendlichen, morgens oft müde zu sein, weil sie nachts noch zu lange am Handy hängen.
In einer niederländischen, im Fachjournal "Communication Research" veröffentlichten Langzeitstudie von 2021 gaben 28 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sich ihr Wohlbefinden durch Social-Media-Nutzung verschlechtert – 26 Prozent erlebten allerdings demnach auch Verbesserungen.
Doch die Antwort ist noch vielschichtiger: Der Psychologin Isabel Brandhorst von der Universität Tübingen zufolge ist wissenschaftlich mittlerweile gut belegt, dass eine gesteigerte Nutzung von sozialen Medien und Smartphones, aber auch eine problematische Nutzung im Sinne einer suchtartigen Nutzung mit geringerem psychischem Wohlbefinden, mehr Schlafproblemen, mehr Depressionen, mehr Essstörungen und mehr Selbstverletzungen einhergeht. Allerdings stelle sich dabei immer die Frage: "Was ist Henne? Was ist Ei?" Langzeitstudien dazu seien weniger eindeutig.
Der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg von der Universität Paderborn weist darauf hin, dass der Zusammenhang von Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen zwar recht gut erforscht sei, aber die signifikanten Effekte eher klein und vor allem einzelne, besonders verletzliche Gruppen betroffen seien. "Also das heißt, es betrifft nicht die Mehrheit, es ist auch nicht das Normale, sondern es betrifft einzelne vulnerable Gruppen und für die ist das natürlich dann ein Problem."
Wer ist denn besonders gefährdet?
Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche, die schon eine andere Belastung hätten. "Wenn ich schon ängstlich bin oder wenn ich eine depressive Störung habe, dann kann das Nutzen von Social Media diese Effekte verstärken." Eine der gefährdeten Gruppen seien Mädchen, etwa weil soziale Vergleiche eine große Rolle spielten. "Das heißt, wenn ich unglücklich mit meinem Selbstbild bin, dann werde ich durch Social Media wahrscheinlich noch mal unglücklicher, weil ich mich eben vergleiche."
Auch Brandhorst sorgt sich um Mädchen. Diese hätten einen etwas höheren Hang zur Sucht, tauchten aber kaum in Beratungsstellen und Therapieangeboten auf. "Dort haben wir eigentlich nur die männlichen Computerspieler, die quasi am Kragen von ihren Eltern in die Beratungsstellen gezerrt werden."
Eine weitere Gruppe sind Lindberg zufolge Mobbing-Opfer. "Cybermobbing über Social Media und Co. wirkt nochmal viel stärker, denn ich werde nicht nur auf dem Schulhof geärgert, sondern 24/7."
Ab wann wird es gefährlich?
Eltern möchten gern wissen: Wie viele Stunden sind zu viel? Doch das ist nicht so einfach zu beantworten. "Die Studien zeigen, dass die reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz, ganz viel darum, was gemacht wird", erklärt Experte Lindberg. "Als Daumenregel: Je passiver die Nutzung ist, also nur scrollen, scrollen, scrollen, desto negativer ist das." Es könne sein, dass jemand acht Stunden am Tag Social Media nutze, aber nicht darunter leide, weil es vielleicht mit seinem Beruf verbunden ist. "Aber es kann auch sein, dass jemand drei Stunden Social Media nutzt, aber eigentlich die ganze Zeit denkt, eigentlich möchte ich in der Zeit lieber was anderes tun. Dann ist diese Drei-Stunden-Nutzung schon problematisch, weil es eben individuell als ungewollt empfunden wird."
Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als abhängig. Das war ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, lag aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.
Man müsse definieren, wann die Schwelle zur Sucht überschritten sei, meint Lindberg. Hier gälten die gleichen Regeln wie bei anderen Süchten: "Wenn jemand süchtig ist, dann leidet er darunter, dass er es eben nicht anders kann, als er eigentlich möchte. Und dass es ihn einschränkt, zum Beispiel in seiner Arbeit, in seinen sozialen Kontakten."
Was sagen die Jugendlichen selbst?
In der JIM-Studie zeigten sich die Befragten selbstkritisch: Die Mehrheit (68 Prozent) stimmte voll oder weitgehend der Aussage zu, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als ursprünglich geplant. Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen. Auch Brandhorst betont, es gebe Jugendliche, die ihre eigene Nutzung reflektierten und bewusst beschränkten. Aber: "Es erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit."
Gibt es auch Chancen?
Brandhorst sieht jedoch auch positive Effekte: Jugendliche könnten Identitäten erproben, Gleichgesinnte finden und sich über möglicherweise schambesetzte Themen austauschen. Lindberg betont zudem: Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeige kein problematisches Verhalten. "In der Debatte kann der Eindruck entstehen, als beträfe das die Mehrheit – tatsächlich zeigt der Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist eher eine Minderheit, in einer Größenordnung wie bei anderen problematischen Verhaltensweisen."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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