
Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Alysa Liu schrieb ihr schönstes Märchen selbst. "Ich bin eine Geschichten-Erzählerin", sagte die 20-Jährige mit einem Dauergrinsen nach ihrer sportlichen Krönung. Liu verwandelte die olympische Eisfläche bei den Winterspielen in Italien in ihre persönliche Bühne und belohnte sich für ihren Mut zum Comeback nach einem zwischenzeitlichen Rücktritt mit Gold.
Doch die Medaille war dem schillernden US-Star gar nicht so wichtig. "Ich hoffe, dass die Leute nicht nur die Schlagzeile lesen: Oh, sie hat Gold gewonnen", sagte Liu, die bei ihrem Coup modisch passend als Golden Girl in Erscheinung trat.
In ihrem auffallenden und rebellisch wirkenden Outfit mit einem glitzernden, goldfarbenen Kleid mit Pailletten, ihrem markanten Piercing im Mund und platingoldenen Strähnen in ihrem dunkelbraunen Haar verzückte Liu die Eiskunstlaufwelt. "Ich brauchte das hier nicht", sagte sie über die Goldmedaille um ihren Hals und fügte an: "Aber was ich brauchte, war die Bühne - und die habe ich bekommen
Tochter eines politisch geflüchteten Chinesen
Ihre unbeschwerte Art sei ihr wichtiger als die Ergebnisse, betonte Liu. Vielmehr geht es der Tochter eines chinesischen Vaters, der als Aktivist angesichts der gewaltsamen Niederschlagung der chinesischen Protestbewegung auf dem Tian'anmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 in die USA geflüchtet war, um ihre Lebensgeschichte. Und die ist tatsächlich besonders.
Arthur Liu bringt seine in Kalifornien gebürtige Tochter mit fünf Jahren zum Eiskunstlaufen. Schnell wird klar, dass Alysa talentiert ist - talentierter als andere, talentierter als alle anderen. Schon im Alter von 13 Jahren holt Liu den ersten nationalen Titel im Erwachsenenbereich. Als erste amerikanische Frau in der Geschichte des Sports zeigt sie zudem den vierfachen Lutz. Sie gilt schon da als US-Wunderkind.
Abrupter Rücktritt vom Leistungssport
In der Saison 2021/2022 startet sie dann auch international durch: Sechste bei den Olympischen Spielen in Peking, Dritte bei der Weltmeisterschaft im französischen Montpellier. Es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie den Eiskunstlauf-Thron erklimmt. Doch dann: ein abruptes und vollkommen überraschendes Karriereende im Alter von gerade einmal 16 Jahren.
Warum es dazu kam? Da hält sich die ansonsten sehr aufgeweckte und offene Liu bislang bedeckt - auch in den Stunden nach ihrem größten sportlichen Erfolg. "Ich hoffe, die Leute nehmen sich die Zeit, meine Geschichte zu lesen, auch wenn sie noch nicht vollständig veröffentlicht ist. Eines Tages wird sie es sein", kündigte Liu fast schon geheimnisvoll an. Die Rückkehr auf die Eisfläche - dieses Mal ohne ihren Vater Arthur - bereut sie nicht: "Oh mein Gott. Es war einfach genau richtig."
Mit Spaß zum Olympiasieg
Mit einer nahezu perfekten Olympia-Kür zur Musik "MacArthur Park Suite" von Donna Summer verbesserte sich Liu vom dritten Rang nach dem Kurzprogramm auf den ersten Platz und überholte die beiden Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai, die Silber und Bronze gewannen. Liu freute sich mit der 17-jährigen Nakai, die als Führende nach dem Kurzprogramm als letzte Sportlerin in der Kür laufen musste, fast mehr als über ihren eigenen Olympiasieg. Beide hüpften nach der Punktevergabe wie Flummis und umarmten sich innig.
Abgesehen davon waren die Konkurrentinnen bei der energiegeladenen und schwerelos wirkenden Eiskunstlauf-Show Lius aber eher Nebendarstellerinnen. "Ich fühlte mich ruhig, glücklich und selbstbewusst. Ich habe die ganze Zeit Spaß gehabt. Diese Erfahrung ist wirklich toll", sagte Liu.
Trainer DiGuglielmo: "Ich denke, sie weiß, wer sie ist"
Ohne Druck, stattdessen mit Freude laufen - das war offenbar genau das richtige Erfolgsrezept. Auch aus Sicht ihres Trainers Phillip DiGuglielmo. "Ich denke, wenn man Spaß daran hat, etwas zu tun, kann man darin herausragend werden. Natürlich gibt es Dinge auf der Welt, die schwer für uns sind, und wir ziehen trotzdem einen Wert daraus", sagte er.
Der Coach ist sich zu "100 Prozent" sicher, dass Liu nicht bei diesen Winterspielen gewesen wäre, wenn sie nicht zwischenzeitlich zurückgetreten wäre. "Ich denke, sie weiß, wer sie ist, was sie in dieser Welt wertschätzt – ihre Familie, ihre Freunde, das Eiskunstlaufen", sagte DiGuglielmo und fügte hinzu: "Diese Pause hat ihrem Körper und ihrem Geist geholfen."
Liu "einfach magisch"
Als "glücklichste Eiskunstläuferin der Welt - und Olympiasiegerin" bezeichnete die Tageszeitung "USA Today" Liu nach ihrem märchenhaften Gold-Coup. Die Expertin des US-Senders NBC und frühere Eiskunstläuferin Tara Lipinski schrieb auf Instagram, dass sie Gänsehaut gehabt habe. "Alysa, du warst einfach magisch da draußen!"
Vor eineinhalb Monaten musste sich Liu bei den US-Meisterschaften als Zweite noch Amber Glenn geschlagen geben, die bei den Winterspielen Fünfte wurde. Allerdings trug Liu in der Kür bei den nationalen Titelkämpfen auch noch ein silbernes Kleid - als würde sie ihre Platzierungen erahnen. Selbst das passte in die hollywoodreife Geschichte.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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